Sehr geehrter Herr Bundestagsabgeordneter Hardt,
lieber Jürgen,
das Präsidium der CDU Deutschlands hat mit seinem Beschluss vom 12.10.2026 die dramatische Finanzlage der Kommunen unmissverständlich beschrieben:
„Die den Kommunen durch Leistungsgesetze überantworteten Aufgaben sind nicht mehr finanzierbar.“
Diese Feststellung deckt sich mit unseren Erfahrungen hier vor Ort in Solingen. Die laufenden Haushaltsberatungen in unserer Stadt zeigen, wie stark unsere finanziellen Handlungsspielräume inzwischen eingeschränkt oder sogar aufgelöst sind. Zunehmend geht es nicht mehr um politische Gestaltung, sondern darum, überhaupt noch einen genehmigungsfähigen Haushalt aufzustellen. Gegen die durch die Sozialausgaben gerissenen Defizite kann man nicht mehr ansparen. Die Folgen der bisherigen Schieflage spüren wir unmittelbar vor Ort: Notwendige Investitionen werden zurückgestellt, freiwillige Leistungen geraten unter Druck und unsere kommunalpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten schwinden.
Aktuell beraten wir als CDU-Fraktion Solingen in unterschiedlichen Arbeitskreisen den aktuellen Haushaltsplan unserer Stadt für das Jahr 2027. Unsere Mandatsträgerinnen und Mandatsträger haben viele gute Ideen, wie wir Solingen weiter nach vorn bringen könnten. Doch die engen finanziellen Spielräume machen uns fast immer einen Strich durch die Rechnung. Hohe Sozial- und Personalausgaben sowie drückende Umlagelasten schnüren der Stadt die Luft ab. Ohne strukturelle Hilfe drohen am Ende nur noch harte Einschnitte vor Ort oder neue Schulden. Von kommunaler Selbstverwaltung kann hier kaum noch die Rede sein.
Das Land Nordrhein-Westfalen hat unter Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) wichtige Entscheidungen zugunsten seiner Kommunen getroffen. Mit der Altschuldenentlastung, der vorgesehenen Erhöhung des Verbundsatzes und zusätzlichen Investitionsmitteln übernimmt die Landesregierung Verantwortung und schafft neue Handlungsspielräume.
Doch diese Anstrengungen können die strukturellen Haushaltsprobleme nicht dauerhaft lösen. Während das Land entlastet, steigen die durch Bundesgesetze veranlassten Sozialausgaben weiter an und übersteigen die errungenen Entlastungen bei weitem. Besonders deutlich wird dies bei der Eingliederungshilfe, der Hilfe zur Pflege sowie der Kinder- und Jugendhilfe. Anspruchserweiterungen, höhere Standards sowie steigende Personal‑, Sach- und Verwaltungskosten bringen die kommunalen Haushalte zum Einsturz.
Wir erkennen an, dass auch die CDU-geführte Bundesregierung mit der vorgesehenen Bundesbeteiligung an der Altschuldenhilfe und der vereinbarten Veranlassungskonnexität erste Fortschritte erzielt hat. Angesichts der Haushaltslage reichen diese jedoch nicht aus.
Nordrhein-Westfalen geht mit seiner kommunalfreundlichen Politik voran. Nun muss der Bund nachziehen.
Eine Grundlage dafür bietet bereits der Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD. Der jüngste Beschluss des CDU-Präsidiums geht in seiner Analyse jedoch deutlich über den Koalitionsvertrag hinaus. Er stellt nicht nur die schwierige Finanzlage fest, sondern benennt die fehlende Finanzierbarkeit übertragener Aufgaben und macht insbesondere die Anspruchserweiterungen und Standarderhöhungen bei Bundesleistungsgesetzen in der Vergangenheit für die kommunalen Milliardendefizite verantwortlich.
Mit dem Präsidiumsbeschluss hat die CDU die Dringlichkeit und die Ursachen der kommunalen Finanzkrise anerkannt und nochmals deutlich herausgestellt. Der Koalitionsvertrag bietet zugleich eine gemeinsame Grundlage, um auch die SPD für die notwendigen Konsequenzen zu gewinnen. Dies gilt umso mehr, als dass der Zusammenbruch der kommunalen Haushalte kein Phänomen einzelner Bundesländer mehr ist und die SPD in den von ihr regierten Städten in gleicher Weise massiv trifft.
Wir bitten Dich deshalb, Dich innerhalb der CDU/CSU-Bundestagsfraktion und gegenüber der Bundesregierung sowie dem Koalitionspartner für die Kommunen einzusetzen:
Die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen trifft dabei auf eine ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage. Als letzter Ausweg erscheinen zunehmend Gewerbe- und Grundsteuererhöhungen auf bislang kaum vorstellbare Höhen unvermeidlich. Damit würden Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen zusätzlich belastet, obwohl wesentliche Ursachen der Finanzkrise außerhalb unseres kommunalpolitischen Einflussbereichs liegen.
Das CDU-Präsidium erklärt in seinem Beschluss weiter:
„Wir wollen daher unsere Kommunen von überbordenden Aufgaben entlasten.“
Dieses Ziel teilen wir ausdrücklich. Doch ein politisches Wollen allein reicht nicht mehr aus. Die Entlastung muss tatsächlich erreicht werden – durch verbindliche Maßnahmen, die bundesgesetzlich veranlasste Ausgaben begrenzen, Standards überprüfen und unseren Haushalt spürbar entlasten.
Der Koalitionsvertrag formuliert hierfür bereits einen gemeinsamen Handlungsauftrag. Der aktuelle Präsidiumsbeschluss macht deutlich, wie dringend dessen Umsetzung inzwischen geworden ist. CDU, CSU und SPD müssen nun konkrete Ergebnisse erreichen, an denen sich die tatsächliche Entlastung unseres kommunalen Haushalts messen lässt.
Lieber Jürgen,
kommunale Selbstverwaltung bedeutet mehr, als gesetzliche Vorgaben umzusetzen und deren Kosten zu verwalten. Sie lebt von der Möglichkeit, vor Ort eigenständig zu entscheiden und zu gestalten. Das nennt man kommunale Selbstverwaltung!
Wir bitten Dich daher, dass Du Dich in Berlin mit Nachdruck dafür einsetzt, dass den Zusagen des Koalitionsvertrages und den weitergehenden Feststellungen des CDU-Präsidiums konkrete gesetzgeberische und finanzpolitische Maßnahmen folgen, die unseren Haushalt nachhaltig entlasten.
Für einen persönlichen Austausch über unsere Haushaltslage stehen wir jederzeit gerne zur Verfügung.
Wir stellen diesen offenen Brief auch den Solinger Medien zur Verfügung, damit die Öffentlichkeit in unserer Heimatstadt angesichts der derzeit laufenden Haushaltsberatungen ebenfalls über die Position der CDU-Fraktion informiert werden kann.
Mit freundlichen Grüßen
gez. Carsten Voigt
CDU-Fraktionsvorsitzender
gez. Carsten Becker
Stellvertretender CDU-Fraktionsvorsitzender und Vorsitzender des Finanzausschusses
gez.
Dirk Errestink
Sprecher der CDU-Fraktion im Finanzausschuss